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Hauptschüler mit Zukunftsperspektive Drucken E-Mail
Sonntag, den 27. Dezember 2009 um 19:26 Uhr

klassenfoto.jpgKlassentreffen – Freude über das Wiedersehen der langjährigen schulischen Weggefährten; vergangene Ereignisse, die in der Erinnerung wieder aufblühen; vielfältige Hauptschüler-Lebenswege, die Gesprächsstoff für einen langen Abend liefern und – die anderen Hauptschülern Mut machen.

 

Klassentreffen, sie geben wertvolle Rückmeldungen über die vergangene Schullaufbahn; mit Auskünften über gelungene bzw. nicht gelungene Anschlüsse, über berufliche Werdegänge und die Wirksamkeit schulischer Arbeit.

So war es auch in diesem Jahr, als die Ehemaligen des Abschlussjahrgangs 2004 der Möhnesee-Schule zusammen kamen, ein besonderer Jahrgang, der als erster von einem intensiven Berufsorientierungskonzept profitierte, das sich eine realistische Zukunftsperspektive durch intensive berufsorientierte Begleitung zum Ziel setzt. Konnte das Klassentreffen die Frage nach der Zukunftsperspektive unserer ehemaligen Schüler beantworten?  

Es war ein fröhlicher Abend, gemeinsam mit Klassenlehrerin Sigrid Blesken und Klassenlehrer Meinolf Padberg, voller Herzlichkeit und Harmonie, geprägt von Wiedersehensfreude, Stolz auf das bisher Erreichte, Stolz auf die ehemalige Hauptschule und von Zuversicht in die Zukunft. Hauptschüler mit Perspektive!

Hauptschule – offenes Tor zur Arbeitswelt

Die Erkenntnisse nach 6 Jahren:

Von 33 entlassenen Schülern gibt es zu 31 Schülern noch Kontakte.

  • Für 97%, das sind 30 von 31 Schülern, schloss sich nach der Entlassung zielgerichtet eine Ausbildung, eine Schule zum Erwerb der Fachoberschulreife (Mittlerer Abschluss) oder eine Schule zum Erwerb der Hochschulreife an.
  • 87%, das sind 27 von 31 Schülern, starteten direkt nach der Hauptschule oder nach weiterem Qualifikationserwerb (Mittlerer Abschluss/Fachoberschulreife) in eine Ausbildung.
  • 16%, das sind 5 Schüler von 31, hatten über das Berufsgrundschuljahr (BGJ) zunächst noch in ihrem starken Berufsfeld den Mittleren Abschluss (Fachoberschulreife) erworben.
  • 9,6 %, das sind 3 Schüler von 31, erwarben die fachgebundene oder allgemeine Hochschulreife (Fachabitur oder Abitur) oder sind kurz vor dem (erwarteten) Abschluss.
  • 6,5 %, das sind 2 Schüler mit Hochschulreife, planen ein Studium.
  • 93,5%, das sind 29 von 31 Schülern, haben die nach der Hauptschule eingeschlagene Berufsrichtung ohne Abbruch erfolgreich weiterverfolgt. 
  • 6,5 %, das sind 2 von 31 Schülern, haben sich für einen Ausbildungwechsel in einen Alternativberuf entschieden. Der Alternativberuf wurde während der Hauptschulzeit bereits in die beruflichen Überlegungen einbezogen.
  • 3,2%, das ist ein 1 Schüler, hat - trotz Ausbildungsangeboten während der Hauptschulzeit - keine Ausbildung begonnen.

Alle 31 Schüler des Jahrgangs 2004 - bis auf einen - können also Anschlusserfolge vorweisen, die sich an ihren Stärken orientieren, sind zurzeit entweder nach erfolgreicher Ausbildung in Arbeit, in einer betrieblichen Ausbildung, in einer zielführenden Schule, in der gegründeten Familie oder bei der Bundeswehr (mit nachfolgendem sicheren Arbeitsanschluss).

Die Hauptschule zeigt sich hier somit nachweislich - und fernab von pauschalen öffentlichen (Vor-) Urteilen - als eine anschlussoffene Schulform mit vielfältigen individuellen Möglichkeiten, die das ganze Spektrum von der betrieblichen Ausbildung über den Erwerb des Mittleren Bildungsabschlusses, der Fachhochschulreife bis hin zur allgemeinen Hochschulreife umfasst. Hier sind die einzelnen Ergebnisse:

Ehemalige: Abschlussjahrgang 2004

Abschlussjahrgang 2004                                         

Übergänge an der Möhnesee-Schule - Bedingungen gelungener Anschlüsse

Es liegt nahe, dass insbesondere diese Bedingungen gelungene Anschlüsse an der Möhnesee-Schule fördern:

  • ein intensives, individuell ausgerichtetes, schulspezifisches Berufsorientierungs- und Begleitsystem
  • Berufsorientierung unterstützt und getragen von der Schulgemeinschaft, also von Schulleitung, Lehrern, Eltern, Ehemaligen und Kooperationspartnern
  • ein Berufsorientierungs-Koordinator als zentraler Ansprechpartner nach innen und außen, als Prozessinitiator in einem schulischen Zentrum für Berufsorientierung
  • enge persönliche Begleitung durch Klassenlehrer, Berufsorientierungs-Koordinator und Berufsberater der Arbeitsagentur, besonders für die Schüler der Abschlussklassen
  • der Erwerb guter fachlicher Grundlagen, um die Anforderungen des weiteren Ausbildungsabschnittes zu bewältigen
  • von Anfang an eine Stärkenorientierung mit vielfältigen schulischen Angeboten (u.a. dem Projekt STARKE SEITEN sowie Verantwortungsprojekten)

Übergangsquote in die Ausbildung – ein fragwürdiges Qualitätskriterium

Die erfolgreiche Bilanz, sie wirft allerdings auch Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf die Ermittlung einer so genannten "Übergangsquote in die betriebliche Ausbildung" direkt nach dem Abschluss der Sekundarstufe I, die immer wieder als Qualitätskriterium für gute schulische Arbeit, für gelungene Berufsorientierung heranzogen wird:

  1. Trotz vielfältiger individueller Förderung, auch durch schulische Berufsorientierung, ist die Persönlichkeitsentwicklung mit 15,16 oder 17 Jahren bei Schülern noch nicht abgeschlossen, vielmehr unterschiedlich ausgeprägt. Gründe dafür können in den Heranwachsenden selbst oder auch in ihrem persönlichen Umfeld liegen. Die Persönlichkeitsentwicklung, sie ist keine mathematische Größe und entzieht sich der Vorhersagbarkeit. Sie ist allerdings ein wesentlicher Faktor, um eine passende Berufsentscheidung treffen zu können. So kennen zwar manche Schüler mit eindeutigem Interessen- und Stärkenprofil schon frühzeitig ihre berufliche Richtung, manche kennen sie aber auch am Ende der Sekundarstufe I noch nicht eindeutig trotz intensiver Begleitung. Vorstellungen über Lebensplanung, über das, was einem wichtig ist, sie können sich noch stark verändern bei Jugendlichen in diesem Alter. Dies erfordert eine besondere Unterstützung im Berufsorientierungsprozess, viele Gespräche und Praktika, um das individuelle Können, Berufsvorstellung und Lebensplanung in Einklang zu bringen. Wenn diese Klarheit in jugendlichem Alter noch fehlt, bedeutet die verzögerte Berufsentscheidung eine verlängerte Orientierungsphase und so einen späteren Start in die betriebliche Ausbildung. Sie mindert die direkte "Übergangsquote" nach dem Abschluss der Sekundarstufe I.
  2. Aufgrund ihres Potenzials, ihrer guten schulischen Leistungen setzen sich manche Hauptschüler verständlicherweise sinnvolle höhere berufliche Ziele, gehen noch nicht direkt in die betriebliche Ausbildung, sondern erst nach dem nächsten zielgerichteten schulischen Abschnitt, was die Übergangsquote in die betriebliche Ausbildung zunächst verringert. So sind manche schulischen Anschlüsse nach der Hauptschule nicht zwangsläufig Warteschleifen, da sie die Schüler in ihren Stärken, in ihren Lern- und Berufsbiographien weiter bringen.
  3. Manche Betriebe erwarten zum Eintritt in die Ausbildung ein Mindestalter von 18 Jahren (wg. Führerschein oder späten Arbeitszeiten wie in den Bereichen Gastronomie und Pflege), was einen direkten Übergang nach der Sekundarstufe I (mit ca. 16 Jahren) in die Ausbildung verhindert, die Übergangsquote mindert.

Starke Seiten – die Grundlagen für individuelle Bildungsketten

Die angeführten Argumente, die realen Erfahrungen zeigen, dass die Ermittlung der Quote von der Schule in die betriebliche Ausbildung nach Abschluss der Sekundarstufe I als Qualitätsmaßstab sehr problematisch, ja ungeeignet ist. Leistungsstarke Schüler-Entlassjahrgänge bedeuten oft eine geringere Quote, da die Schüler sich dann - sinnvollerweise - zunächst schulisch noch weiter qualifizieren wollen (z.B. mit dem Berufsziel Erzieher/in oder Einzelhandelskauffrau/-mann) . Unser Schulsystem ist angelegt auf Anschluss-Offenheit, und Hauptschüler profitieren von dieser Offenheit in oft überraschender Weise. Die Auswertungen oben zeigen, dass vieles noch möglich ist bis hin zur Hochschulreife und zum Studium. Hauptschulen ermöglichen somit vielfältige erfolgreiche Anschlüsse und Abschlüsse, die zum Teil erst einige Jahre nach der Hauptschulentlassung sichtbar werden.

Was zählt, ist die bestmögliche Lern- und Berufsbiographie für jeden Einzelnen angesichts seiner individuell ausgeprägten Interessen und Fähigkeiten, seiner "starken Seiten". Es gilt, den für ihn besten nächsten Anschluss zu schaffen, um seine "individuelle Bildungskette" zu vervollständigen und sein Berufsziel zu erreichen, im Einklang mit seiner bisherigen Lernentwicklung und seiner Lebensplanung:

Das kann für den einen am Ende dieser Bildungskette der erfolgreiche Abschluss eines Studiums sein mit einem sich anschließenden akademischen Beruf. Das kann für den anderen aber auch bedeuten, dass er - aufgrund seiner individuellen Voraussetzungen - eine betriebliche Ausbildung erst nach einigen Jahren erfolgreich abschließt und einen Beruf z.B. in Handwerk, Industrie, Gastronomie oder im Pflegebereich ausübt.

                                               Gute Landung im Berufsleben-Rückblick

Sie schauen zurück auf eine gute Landung ihrer erfolgreichen Abschlussjahrgänge 1998 und 2004 im Berufsleben: Klassenlehrerin Sigrid Blesken und Klassenlehrer/Koordinator Berufsorientierung Meinolf Padberg. (Das Foto entstand 2004 auf der DASA in Dortmund bei einer Berufsorientierungs-Veranstaltung der 10. Klassen der Möhnesee-Schule)

Ehemalige: Abschlussjahrgang 1998

Die guten Anschlussergebnisse des Jahrgangs 2004, sie werden untermauert durch Rückmeldungen aus einem weiteren Klassentreffen von Ehemaligen des Abschlussjahrgangs 1998 der Möhnesee-Schule im vergangenen Jahr.
 
(Anm.: Wenngleich auch zurzeit keine statistische Auswertung dieses Jahrgangs möglich ist, da zu einigen Ehemaligen - darunter auch leistungsstarken - leider kein Kontakt hergestellt werden konnte, so zeigt nachstehende Liste doch eindrucksvoll, wie chancenreich Hauptschüler am Arbeitsmarkt sein können mit einer großen Bandbreite von beruflichen Möglichkeiten.)

Abschlussjahrgang 1998

Individuelle Begleitung – entscheidender Faktor im Berufsorientierungsprozess?

Da es im Entlassjahr 1998 im Vergleich zu heute noch keine so umfassende Berufsorientierung an der Möhnesee-Schule gab, rücken insbesondere diese Gelingensbedingungen für erfolgreiche Anschlüsse in den Vordergrund:

Intensive individuelle Begleitung und Beratung während der letzten beiden Schuljahre durch Eltern, Klassenlehrer, Berufsberater der Arbeitsagentur sowie betriebliche Ansprechpartner während zielgerichteter Praktika - sie scheinen eine bedeutende Rolle im Berufsorientierungsprozess zu spielen.

Es sind anregende, aufbauende, bestärkende Kontakte durch Familie, Schule, Berufsberater und Praktikumsbetrieb, Einfühlung in die besondere Übergangssituation des Jugendlichen, dazu relativ kleine Klassen mit einem durchgehenden Klassenlehrersystem, ein guter Fachunterricht sowie die Wahrnehmung und Rückmeldung persönlicher Stärken, die dem Schüler ein Gefühl von Verbundenheit, Sicherheit, Selbstbewusstsein und Wertschätzung vermitteln:

"Ich bin nicht allein mit meinen Zukunftsüberlegungen. Da sind Menschen an meiner Seite, auf die ich mich verlassen kann, die mich verstehen, die mich unterstützen, die mir was zutrauen und an mich glauben. Zusammen mit ihnen kann ich meine Stärken herausfinden, ausbauen und einen passenden Beruf, einen Ausbildungsplatz, einen passenden Anschluss finden."

Forschungsergebnisse aus der Neurobiologie bestätigen den entscheidenden Wert dieser zwischenmenschlichen Beziehungsebene, den Wert von Bezugspersonen mit Einfühlungsvermögen, die Orientierung geben und die Kindern und Jugendlichen eine Vision von ihrer Entwicklung und ihren Potenzialen zurückspiegeln. Vor diesem Hintergrund macht auch die nordrhein-westfälische Einführung eines Studien- und Berufsorientierungs-Koordinators (kurz "StuBO" genannt) an allen Schulen der Sekundarstufe I und II außerordentlich viel Sinn.

Den aufgeführten erfolgreichen Übergängen der Möhnesee-Schule ließen sich hier problemlos zahlreiche weitere positive Beispiele aus anderen Klassen und anderen Hauptschulen, insbesondere im ländlichen Raum, hinzufügen – jeder erfolgreiche Übergang, jede passende Ausbildung von großem Wert für den Einzelnen auf seinem individuellen Lebensweg.

Ausgezeichnete Ausbildung

Manchmal passt ein Übergang auch besonders gut, wenn die starken Seiten eines Schülers mit einem starken Ausbildungsbetrieb zusammentreffen, wie bei unserem ehemaligen Schüler Thomas, der beim Kooperationspartner der Möhnesee-Schule, der Ohrmann Montagetechnik GmbH, seine Ausbildung absolvierte.

Für seine sehr guten Prüfungsleistungen am Ende seiner Ausbildung wurde er im September 2009 im Rahmen einer Feierstunde zusammen mit anderen Ausbildungsbesten vom Präsidenten der IHK Arnsberg, Hellweg-Sauerland, Ralf Kersting und Hauptgeschäftsführerin Dr. Ilona Lange ausgezeichnet. Diese bedankten sich auch beim Ausbildungsbetrieb Ohrmann Montagetechnik GmbH für dessen Beitrag zu dem hervorragenden Ergebnis.

                                                      Auszeichnung IHK Arnsberg

"Herzlichen Glückwunsch, Thomas, zu deiner herausragenden Leistung. Durch deinen Einsatz für die Möhnesee-Schule warst du schon während deiner Schulzeit ein großartiges Vorbild für deine Mitschüler und bist es heute noch durch deinen glänzenden Ausbildungsabschluss, den du mit deinem Können, hoher Motivation, Einsatzfreude und Zielstrebigkeit und mit Unterstützung deines Ausbildungsbetriebes geschafft hast. Alles Gute für deine weitere Zukunft !" (Kommentar Möhnesee-Schule)

(Bildquelle: Homepage IHK Arnsberg, www.ihk-arnsberg.de, Download 20.12.2009)

Fazit

Die vermeintlich schwächeren Schüler in unserer Gesellschaft, sie alle haben "starke Seiten", aus den unterschiedlichsten Gründen oft unentdeckt, verschüttet, nicht entwickelt oder nur gering gefördert. Wenn Elternhaus, Schulgemeinschaft und schulische Kooperationspartner es als eine zentrale Aufgabe ansehen, diese Stärken - und zwar aus allen Lebensbereichen - gemeinsam mit den Schülern herauszufinden, sie zu fördern, die Schüler zu begleiten und ihnen etwas zuzutrauen, dann werden die Weichen gestellt in Richtung Könnenserfahrungen, Selbstbewusstsein und Motivation. Die so begleiteten ehemaligen Schüler an der Möhnesee-Schule und anderswo zeigen eindrucksvoll durch ihre erfolgreichen Lebenswege: Hauptschüler können was! Hauptschüler haben eine Zukunftsperspektive!